Cécile Bühlmann. Bild: Joseph Schmidiger

Diesmal ist es anders

Von Cécile Bühlmann

Ich bin kurz nach den Gräueln des Zweiten Weltkrieges in der Mitte des 20. Jahrhunderts geboren. Seither habe ich mehrere gefährliche weltpolitische Ereignisse als Zeitzeugin mitbekommen.

Die erste Erinnerung ist die an den ungarischen Volksaufstand im November 1956 in Budapest. Ein Studentenprotest gegen die sowjetische Besatzungsmacht wurde von der übermächtigen Sowjetarmee am 4. November blutig niedergeschlagen. Sowjetische Panzer rollten auf und gingen brutal gegen die Demonstrierenden vor. Es setzte eine grosse Fluchtwelle Richtung Westen ein. Die Schweiz nahm in kürzester Zeit 10'000 Geflohene bedingungslos auf, die Solidarität und das Mitleid waren überwältigend. Wir stellten Kerzen vor die Fenster, um die Flüchtlinge willkommen zu heissen und verstrickten unsere gesamte Wolle zu Decken für die Ankommenden. Ich erinnere mich an meine grosse Angst vor einem Weltkrieg.

Die zweite Erinnerung ist die an die Kuba-Krise 1962. Diese hat die Welt an den Rand eines Atomkriegs zwischen den USA und der Sowjetunion gebracht. Anlass war, dass die UdSSR Raketenstützpunkte auf Kuba installieren wollte, was die USA auf keinen Fall tolerierten. Ich war Sek-Schülerin in Sempach und erinnere mich an die Furcht vor dem atomaren Weltkrieg, unter dem ich mir zwar nichts Genaues vorstellen konnte. Ich ahnte einfach, dass es eine furchtbare Gefahr war, die auf uns zukam. Sie wurde haarscharf im letzten Moment durch eine Einigung zwischen Kennedy und Chruschtschow abgewendet.

Die dritte Erinnerung ist die an den «Prager Frühling». Im August 1968 wurde diese Protestbewegung nach vier Monaten, mit der grössten Militäroperation in Europa seit 1945, brutal beendet. Breschnew hatte am 20. August 1968 eine Invasionstruppe von 500'000 Soldaten aus den Ländern des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei geschickt, um dort aufzuräumen. Es geschah mitten in den Sommerferien und ich erinnere mich daran, dass meine Schwestern und ich uns vor einem Kriegsausbruch in Europa fürchteten und deshalb überlegten, ob wir noch ins Ausland in die Ferien fahren sollten. Denn sollte es zum Schlimmsten kommen, hätten wir zu Hause sein wollen. Als Folge der Besatzung verliessen Zehntausende Tschechoslowak:innen das Land, insgesamt flohen etwa 14'000 von ihnen in die Schweiz. Auch sie wurden mit offenen Armen empfangen.

Das Gegenmoment: Im November 1989 fiel die Berliner Mauer. Ich erfuhr davon, als ich an der Sitzung einer interkantonalen Arbeitsgruppe der Erziehungsdirektorenkonferenz in Zofingen war. Wir konnten das Glück kaum fassen. Wir waren richtig euphorisch und felsenfest überzeugt, dass sich nun die Welt definitiv zum Guten wende. Wir glaubten, dass demokratische Rechtsstaaten, die durch internationale Abkommen geregelt miteinander kooperieren, das Modell der Zukunft seien.

Drei Jahrzehnte hielt diese Hoffnung an. Dann kam Donald Trump, der Ukraine-Krieg, der Vormarsch der Rechten in Europa und den USA. Und jetzt ist in kürzester Zeit nichts mehr, wie es war, kein Stein mehr auf dem anderen. Ich kann auf diese Entwicklung nicht mit historischem Abstand wie auf die vorher beschriebenen Krisen schauen, wir sind mittendrin in den sich überschlagenden Ereignissen. Ich fühle eine abgrundtiefe Ohnmacht, ein Ausgeliefertsein, wie ich es noch nie kannte. Diesmal ist es anders, weil es unsere traditionellen Verbündeten USA sind, die alles, was uns wichtig ist, in den Abgrund reiten.

Es fühlt sich an wie ein Verrat an den bisher geteilten Werten. Und das Unheimliche ist, dass ihr Leader ein unberechenbarer, krankhaft gestörter Narzisst ist, für den Regieren nichts als ein Dealen um den grössten Eigennutz ist. Für ihn zählen weder Gewaltenteilung, Gesetze, Medienfreiheit, Integrität und Kompetenz, sondern nur blinde Gefolgschaft. In amerikanischen Medien wurde schon die Befürchtung geäussert, dass es möglicherweise gar keine Midterms mehr gebe, weil Trump sie einfach abschaffen würde. Der Albtraum würde also nie mehr enden …

Mit dem Niedergang der amerikanischen Demokratie ist das beruhigende Gefühl weg, dass der russische Aggressor mit den USA einen mächtigen Gegner hat, der ihn in die Schranken weist und der unser Verbündeter im Kampf für die Freiheit der Ukraine ist. Es ist eine ganz neue Erfahrung, dass uns aus dem Osten und dem Westen Gefahr droht. Die aus dem Osten ist nicht neu, wurde aber von vielen total unterschätzt. Der Krieg ist zurück in Europa, auch das Gespenst des Atomkriegs ist wieder da und der Cyberkrieg kommt als neue gefährliche Dimension dazu. Was ich aber als neue und unheimliche Bedrohung empfinde ist die Geschwindigkeit, mit der westliche Errungenschaften weggefegt werden und wie viele Anpässler:innen sich dem neuen Diktat unterziehen, wie viele Nachahmer und Profiteure in aller Welt aus den Löchern hervorkommen und mitspielen.

Kein Tag vergeht ohne Schreckensmeldung, Nachrichten hören ist eine Zumutung geworden, vor der man sich am liebsten verschonen würde. Zum Neuen an der jetzigen Bedrohung gehört auch, dass wir nie wissen, wohin das Ganze noch führt, in einen neuen Faschismus, in eine totalitäre Autokratie oder in eine weltweite Wirtschaftskrise mit katastrophalen Folgen für die Menschheit. Dass die Krise global ist und dass die Tech-Oligarchen mit all ihren gigantischen Möglichkeiten auf der Erde und im All mitmischen, ist ein weiterer Grund zu grösster Sorge.

Es gibt für mich einen Hoffnungsschimmer, nämlich dass der alte Kontinent Europa zusammenrückt und seine Werte machtvoll zu verteidigen beginnt. In diesem selbstbewussten und geeinten Europa ist auch der Platz der Schweiz der Zukunft. Das meine ich nicht nur geografisch.

26. März 2025 – cecile.buehlmann@luzern60plus.ch


Zur Person
Cécile Bühlmann ist in Sempach geboren und aufgewachsen. Sie war zuerst als Lehrerin, dann als Beauftragte und Dozentin für Interkulturelle Pädagogik beim Luzerner Bildungsdepartement und an der Pädagogischen Hochschule Luzern tätig. Von 1991 bis 2005 war sie Nationalrätin der Grünen, zwölf Jahre davon Fraktionspräsidentin. Von 1995 bis 2007 war sie Vizepräsidentin der damals neu gegründeten Eidg. Kommission gegen Rassismus EKR. Von 2005 bis 2013 leitete sie den cfd, eine feministische Friedensorganisation, die sich für Frauenrechte und für das Empowerment von Frauen stark macht. Von 2006 bis 2018 war sie Stiftungsratspräsidentin von Greenpeace Schweiz. Sie war bis 2024 Vizepräsidentin der Gesellschaft Minderheiten Schweiz GMS. Seit 2013 ist sie pensioniert.